Bibliothek und Internet: Ein gutes Paar

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Ein Interview des ETH-Bibliotheksdirektors Rafael Ball in der NZZ am Sonntag sorgte für Aufsehen und Kopfschütteln . „Weg damit“, heisst es da zu Buch und Bibliothek, das Internet mache die herkömmliche Bibliothek überflüssig, die Bücher könne man ausräumen, und wenn eine Gemeindebibliothek hops gehe, sei das auch nicht so schlimm, man finde heute alles übers Internet.

Die Reaktion in der Schweizer Bibliothekscommunity fiel heftig aus. Zu recht. Vor lauter Sexyness in der Zuspitzung geriet dem ETH-Bibliotheksdirektor, vielleicht befeuert vom geschickten Befrager, die Realität aus den Augen. Als Leiter einer mittelgrossen Stadtbibliothek habe ich das Privileg, nahe an den Kunden, nahe an der Bibliotheksrealität zu sein. Ich mache Führungen, helfe am Schalter aus, rede mit den Bibliotheksbesuchern. Mir ist um die Bibliotheken nicht bange. Höchstens, wenn Bibliothekare unaufgefordert ihre eigene Zukunft und die ihrer Kollegen in Frage stellen…

Nun ist der Mist geführt und die Milch verschütt‘. Wir sollten also nach vorne blicken, den Mist zum Dünger machen (und die Milch vielleicht zu Joghurt? Quark passt irgendwie weniger…). Dazu im Folgenden einige Gedanken, im Blick zurück und mit Kurs nach vorn.

  • Man darf es gerne immer wieder betonen: Book Not Dead. Die Nachrichten vom bevorstehenden Tod des (gedruckten) Buches werden durch Wiederholung auch nicht richtiger. Tatsache ist, dass heute doch niemand seriös vorhersagen kann, wie sich das Verhältnis von Buch und E-Book letztlich ausgestalten wird. In den USA liegt der E-Book-Marktanteil derzeit bei 30%, Tendenz leicht sinkend. In Deutschland sind wir derzeit bei 4.5%, in Worten: Viereinhalb Prozent. Nun ist gewiss unbestritten, dass Lesen nicht nur in Büchern und E-Books stattfindet. Blogs und Gratiszeitungen und Wikipedia und tausend weitere Arten und Formen von Text und audiovisuellem Material: Man liest Internet. Die Frage ist, ob dies den Buch- und E-Book-Konsum verdrängt, ergänzt oder gar befördert? Und was das für Bibliotheken bedeutet? Ich meine, das Urteil steht aus, aber das Buch ist ein ziemlich zäher, aber immer noch knuspriger alter Knabe.
  • Vom Tod der Buchausleihe kann in diesem Umfeld keine Rede sein. Die Ausleihzahlen bewegen sich in der Schweiz in den letzten Jahren bekanntlich auf hohem Niveau seitwärts und werden in den öffentlichen Bibliotheken seit geraumer Zeit gestützt durch die überaus erfolgreiche  Ausleihe elektronischer Bücher. In Schaffhausen betrug die jährliche Ausleihe 1995 146‘000 Medien, 2005 179‘000 Medien und 2015 239‘000 Medien – davon 33‘000 E-Books, weit mehr als die obengenannten paar Prozente des Kaufbuchmarkts. Womöglich ist das Modell „Ausleihe von Büchern“ gar kein Auslaufmodell, sondern voll im Trend, quasi Sharing Economy Avant La Lettre? (vier Sprachen in einem Satz, das ist die poyglotte Schweiz ;-). – Manchen Leuten ist es zu teuer, Bücher zu kaufen, andere wollen gar keine kaufen, und viele kombinieren beides. So what? Ich sehe nicht, was das Internet und die digitale Revolution daran fundamental geändert haben sollen. Und fragt man Kunden wie Nicht-Kunden von Bibliotheken, dann verbinden diese mit unseren Institutionen gerne – Bücher. Mit Betonung auf gerne: Ein aktuelles und breites Medienangebot gehört nach wie vor zu den Auszeichnungsmerkmalen einer Bibliothek,  und wir sind gut beraten, ihm Sorge zu tragen, 3D-Drucker hin, Makerspace her. Wobei das keine Aussage gegen die Bibliothek als Dritten Ort oder Zukunftslabor sein soll. Nur sollte man den Kern seiner Identität erkennen und bewahren. Der mag für Atomphysikbibliotheken und Robotik-Institute ein anderer sein, aber dazu masse ich mir nicht einfach so ein Urteil an.
  • Ältere Bücher sind weniger gefragt, gewiss. Das ist nun aber auch keine neue Erkenntnis und darf  doch bitte nicht einfach zum Entscheid führen, die Sammeltätigkeit früherer Generationen einfach in den Abfallcontainer zu befördern. Genau die weniger gefragten, längst vergriffenen Randexistenzen sind es im Übrigen, für deren Aufbewahrung uns kommende Generationen vielleicht dankbar sind. Und wer sich dennoch zutraut, die Spreu vom Weizen zu trennen, der macht entweder tabula rasa – dann soll man ihm aber die Bibliothekaren-Ehren entziehen – , oder er hat viel Zeit für ein Grossprojekt am Büchergestell. Warum diese nicht in konstruktivere Projekte investieren? Statt makulieren rekatalogisieren. In Schaffhausen sind wir derzeit dran, unseren älteren Bestand elektronisch nachzuweisen, unseren ZIVIs sei Dank. Und  siehe da, die Nutzung steigt. Natürlich sortieren wir im übrigen auch Nora-Roberts-Romane aus den Freihandgestellen aus. Aber einen könnten wir doch behalten, denn wenn die alle kübeln…? 🙂
  •  Die Informationsrecherche im Internet ist seit geraumer Zeit und immer mehr (man denke an die Zeitungen) von Paywalls bedrängt und eingeschränkt. Open Access soll hier bekanntlich Remedur schaffen, aber ob Diogenes, Suhrkamp und andere ihre eigene Abschaffung unterzeichnen werden? Ich wage es zu bezweifeln. Deshalb sind wir öffentlichen Bibliotheken momentan an Modelle wie die Onleihe gebunden, die elektronische Medien künstlich verknappt, und geben – wie die wissenschaftlichen schon länger –  viel Geld für Lizenzen aus statt Eigentum. Das kann man beklagen, und ein Teil der Community tut dies weiss Gott laut und deutlich, aber immerhin hat uns die Onleihe ermöglicht, im E-Books-Markt präsent zu sein. Vielleicht helfen uns die grossen wissenschaftlichen Bibliotheken ja mit einer Belletristik-Nationallizenz und der ganz grossen Open Access-Initiative? Only joking.
  • Die Frage im übrigen, wer mit welcher Begründung und Motivation den Paradiespark der Internet-Informationen auch für die Zukunft pflegt und zugänglich macht, ist interessanter als der angebliche Antagonismus zwischen Bibliothek und Internet. Denn es ist ja keineswegs gesichert, dass die Wikipedia auch in Zukunft blüht und gedeiht. Und ebenso gut ist es möglich, dass Google, im Urheberrechtsdschungel gefangen, die Lust am Bücherdigitalisieren verliert, so wie es die Lust an seinem News-Archiv verloren hat. Das sind  Themen, bei denen wir Bibliothekar/innen und auskennen.  Wir sind die Experten der longue durée. Spielen wir unsere Stärken aus!

Hier im übrigen einige Zeitungslinks zur Debatte – sofern die Texte Open Access sind…

Das Interview mit Rafael Ball (ETH-Bibliothek)

Eine Replik von Prof. Hagner) (ETH)

Eine erste Diskussionszusammenfassung in der NZZ

Umfassende Medienschau in der IG WBS

 

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